AfA Minden-Lübbecke: Wir erleben eine Erosion von Arbeit

Anja Butschkau, Klaus Barthel, Peter Bernard, Conny Wandke, Christina Weng und Angela Lück (v. l.) sprachen auf der Betriebs- und Personalrätekonferenz der AfA Minden-Lübbecke über Arbeit 4.0. Foto: Pressebüro Amtage
Anja Butschkau, Klaus Barthel, Peter Bernard, Conny Wandke, Christina Weng und Angela Lück (v. l.) sprachen auf der Betriebs- und Personalrätekonferenz der AfA Minden-Lübbecke über Arbeit 4.0. Foto: Pressebüro Amtage

Minden (MiX). „Ein Großteil der gesellschaftlichen Spaltung geht von der Arbeitswelt aus.“ Das hat der Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der SPD (AfA), Klaus Barthel, jetzt in Minden erklärt.

Auf der Betriebs- und Personalrätekonferenz der AfA Minden-Lübbecke im Fach-Werk am Schwarzen Weg betonte Barthel vor rund 60 Arbeitnehmervertretern aus dem Mühlenkreis unter Verweis auf aktuelle Erhebungen, 40 Prozent der Beschäftigten in den Betrieben seien von der allgemeinen Wohlstandentwicklung abgehängt. Hinzu komme eine zunehmende Polarisierung bei der Arbeitszeit, besonders mit Blick auf die Teilzeit.

„Die Vollbeschäftigung läuft über Teilzeit. Davon betroffen sind vor allem Frauen“, so Barthel, der von 1994 bis 2017 Bundestagsabgeordneter der bayrischen SPD war und im vergangenen Jahr nicht wieder für das Parlament kandidierte. Der AfA-Vorsitzende warnte im Beisein der NRW-Landesvorsitzenden Anja Butschkau, der heimischen SPD-Landtagsabgeordneten Christina Weng und der Landtagsabgeordneten Angela Lück aus Löhne vor einer Zunahme der „nicht regulären Arbeitsverhältnisse“.

„Wir erleben eine Erosion von Arbeit und hier mit 7,7 Millionen Beschäftigten einen Rekord an prekär Beschäftigten, die nur schlecht oder gar nicht von ihrem Einkommen leben können.“ Hinzu komme eine Entbetrieblichung von Arbeit durch zunehmende Tätigkeiten im Homeoffice, was die Kontrollmöglichkeiten der Betriebs- und Personalräte deutlich erschwere.

Wenn von Arbeit 4.0 gesprochen werde, bedeute das nicht nur die Digitalisierung der Arbeitswelt. Verschränkt sei dieses auch mit der Getriebenheit der Finanzmärkte und veränderten Managementkonzepten, sagte Klaus Barthel. Der Aufkauf von Unternehmen durch Investoren führe zu erhöhten Gewinnerwartungen und damit zu erheblichen Veränderungen in der Arbeitswelt. Die fortschreitende Privatisierung und der damit verbundene Rückzug von Staat und Kommunen beispielsweise im Verkehrs- und Gesundheitswesen sei ein weiterer Faktor. „Arbeit 4.0 bedeutet zudem häufig eine Individualisierung in den Betrieben, die dann als Flexibilität umschrieben wird.“

Das wiederum führe dazu, dass Vollzeitbeschäftigung immer mehr Arbeitswochenstunden bedeuteten – aktuell im Schnitt 43 – und Teilzeit immer weniger Stunden (unter 16). Außerdem hätten 58 Prozent der Beschäftigten in einer aktuellen Befragung angegeben, sie seien außerhalb der Arbeitszeit für den Arbeitgeber erreichbar. Diese Entwicklungen zeigten, dass eine wirksame Mitbestimmung weiter an Bedeutung gewinne.

„Wir erleben einen Systemwechsel, wie er kaum vorstellbar war“

Diese Ansicht vertrat auch die Landtagsabgeordnete Christina Weng, die auf Einladung des AfA-Kreisvorsitzenden Peter Bernard zu dem Thema „Die Rolle der Betriebs- und Personalräte im Zuge von Arbeit 4.0“ sprach. Grabenkriege, Separation und Rechtsausleger beherrschten aktuell die Arbeitswelt, so die Mindener Sozialdemokratin und ehemalige langjährige Personalratsvorsitzende der Mühlenkreiskliniken. Wir erlebten aktuell einen Systemwechsel, wie er kaum vorstellbar gewesen sei. Der Kompass müssten hier Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sein.

Weng forderte, die Grenze unter dem Aspekt „Studiert gleich qualifiziert – Ausgebildet gleich nicht so qualifiziert“ aufzuheben. Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter seien aufgefordert, hier tätig zu werden. Eine positive Entwicklung sei dabei, dass laut Industrie- und Handelskammer inzwischen 24 Ausbildungsberufe in Hinsicht auf die Anforderungen der Informationstechnologien modernisiert worden seien.

Die Landespolitikerin warnte vor Behinderungen der Betriebs- und Personalräte durch die Arbeitgeber. Dabei verwies sie auf Fälle, die bei den Staatsanwaltschaften lägen. Außerdem mahnte Christina Weng ebenso wie Peter Bernard vor einer zunehmenden Unterwanderung der Arbeitnehmervertretungen durch rechte Kräfte.

Es falle zunehmend schwerer, auf viele Anforderungen, die sehr schnell heranrollen würden, unter Arbeitnehmeraspekten reagieren zu können, erläuterte die Landtagsabgeordnete. Dazu gehörten im Bereich der Informationstechnologien auch die „Preisschlachten“, die auf dem Arbeitsmarkt stattfänden, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen. Die zunehmende Entgrenztheit bei den Arbeitsstunden und die Entwicklung dahin, dass Betriebs- und Personalräte häufig nicht mehr als die Beschützer, sondern als die Behinderer gesehen würden, bereiteten weitere Sorgen. Vor diesem Hintergrund gelte es, sich verstärkt für mehr Solidarität in den Betrieben einzusetzen und Arbeitnehmervertretungen weiter zu stärken.

Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der SPD Minden-Lübbecke

© Text und Foto: Pressebüro Hans-Jürgen Amtage | Minden

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